Ewa lebt allein an der Küste.
Jeden Morgen im Frühjahr läuft Ewa mit einem Korb voller Muscheln hinunter zum Strand.
Dort gibt Ewa die Muscheln zurück ins Meer und liest neue auf.
Ewa sammelt nur die halben Muscheln.
Ewa sagt, jede Muschelhälfte stehe für ein suchendes Herz, denn auch jedes Herz sei von Geburt an bloß ein halbes.
    Ich runzle die Stirn.

Nicht jede Herzhälfte suche ihr Gegenstück, sagt Ewa – andererseits gebe es auch lose Muschelhälften von Menschen, die zusammenleben. Die mögen sich auch lieben, sagt Ewa, doch sei das dann halt nicht die große Liebe, die, die ein Leben lang hält.
    Mich verwirrt das und ich frage Ewa, warum sie das tue.
Ewa antwortet mir, sie suche nach dem Pendant ihres Herzens.
    Wie genau sie das anstelle, frage ich.
Sie nehme die Muschelhälften mit nach Hause und begutachte sie am Nachmittag bei einer Tasse Tee, antwortet Ewa, oft auch einer Kanne. Jede für sich.
Sie prüfe sie anhand folgender Kriterien:

Ist sie ganz oder zerbrochen? Zerbrechlich oder robust? Glänzend oder matt?
Ist sie groß oder klein? Glatt oder geriffelt? Einfarbig oder bunt?
Ist sie schwer oder leicht? Scharfkantig oder stumpf? Gesprenkelt oder gestreift?
Und an wen oder was erinnert sie in ihrer Form? Vielleicht …

    … an ein halbes Herz, frage ich.
Quatsch, erwidert Ewa, das klinge nun wirklich albern. Außerdem könne sie ja gar nicht wissen, welche Form ihres habe.
    Ich nicke nachdenklich.
Jedenfalls, führt Ewa fort, wenn sie damit fertig sei, horche sie – so, wie man diese handgroßen, tropischen Muscheln ans Ohr halte und horche – in sich hinein. Und erst, wenn ihr Herz dabei in sanften Wellen schlage und sich ein warmes, blaues Rauschen auf ihre tiefsten Ängste lege, wisse sie; das muss die Richtige sein.

    Woher sie das wissen könne, werfe ich ein, wo sie das doch noch gar nicht erlebt habe.
Sie wisse das einfach, so Ewa.
    Doch was, frage ich weiter, wenn sie die zu ihrem Herz passende Muschel gefunden habe.
Dann müsse sie bloß noch den Menschen finden, zu dem die Herzmuschelhälfte gehört, lacht Ewa.


© aehz

Vorige Woche Freitag
nach Feierabend
machte ich mich auf und ging
in mich,
meine Mitte zu finden.

Nach anfänglichen Orientierungs-
schwierigkeiten

(immerhin ist es verdammt
düster zwischen Leber, Herz und Milz,
Lungen, Nieren und Perikard,
zwischen
Gallenblase, Dünndarm und Magen,
Dickdarm, Blase und
– last not least – Dreifach-Erwärmer),

gelangte ich heute Morgen
nach langer Suche
an meinem Ziel; dem End-
darm an.

Ich nahm einen tiefen Atemzug
und sah mich um. Ein kleiner Zettel
pinnte dort an der Wand.


    Glückwunsch

    – du hast
    deine innere
    Mitte
    gefunden!


Etwas verdattert, doch glücklich
nahm ich den Zettel ab
und bemerkte,
da war noch was
auf der Rückseite geschrieben.


    PS: Du hast
    nicht ernsthaft
    an den Scheiß
    geglaubt, hm?

    :D


Was soll ich sagen?

Geknickt kroch ich mir aus dem Arsch,
stellte mich unter die Dusche,
rasierte mich,
zog mich an,
stieg ins Auto und fuhr in die Klinik.

Es ist Montag.

Und ich fühle mich
beschissen.


© aehz

aufopferungsleer

April 12, 2016

nie nie hast du gelacht
fühltest nicht die freude
hast dich zugemacht

nie nie hast du geweint
spürtest nicht die trauer
hast sie angeleint

nie nie hast du gestampft
ahntest nicht die wut
sie war verdampft

nie nie hast du gezittert
fasstest nicht die angst
sie war vergittert

immer immer
warst du bestrebt
es allen allen
recht zu machen

ich wünschte
du hättest dich gelebt
statt über leben
anderer zu wachen


© aehz

was gibt es noch …

Februar 28, 2016

zu berichten über den blauen
blauen himmel die grünen
grünen wiesen die gelben
gelben sterne und die roten
roten rosen über mein glück
das du mit dir nahmst über
alle alle berge


doch wisse ich bin dir nicht bös
denn weiß ich es liegt in guten
guten händen bis
zu dem tag
ja bis zu
dem
tag


© aehz

So ganz

Februar 28, 2016

Du glaubst nicht mehr
so ganz
an den Weihnachtsmann
   daran
dass aus jedem Sandkorn
irgendwann
ein Grashalm wächst
   dass große Pfützen
mal kleine Teiche waren
und du
Haifisch der du bist
in alle hineinsprangst


Du glaubst nicht mehr
so ganz
an den Augenblick
   daran
dass hinter jedem Superhelden
irgendwie
doch ein Superheld steckt
   dass Opas Schafe
mal Wolken auf Beinen waren
und du
Cowboy der du bist
auf allen herumrittst


Du glaubst nicht mehr
so ganz
an dich selbst
   daran
dass in deinem Innern
irgendwo
die Gewissheit liegt
dass dein Herz
noch immer Kind ist
und du
Grünling der du bist
nicht ganz so

   erwachsen


© aehz

Die Sterbezwiebel

Februar 28, 2016

Als ich an einem schwülen Samstag im August so durch die Gemüseabteilung des Discounters meines Vertrauens schlenderte, entdeckte ich zwischen Knoblauch und Kartoffeln eine mir bis dato gänzlich unbekannte Zwiebelsorte. „Na sowas“, murmelte ich, und suchte nach einer Erklärung, welche glücklicherweise nicht lang auf sich warten ließ.
    Das Schildchen zur Kennzeichnung las sich vielversprechend

„Sterbezwiebel“

~ Beschert einen schönen Tod ~

Herkunft: unbekannt

(kühl und trocken lagern)



Das Netz (1,5 Kg) kostete 1,49 Euro. „Netz?“, dachte ich, „Wieso gibt’s die nicht einzeln?“ Egal. Statt nun händeringend nach einem „freundlichen Mitarbeiter“ Ausschau zu halten, bei dem man sich erkundigen könne, was es mit dieser ominösen Sterbezwiebel auf sich habe (und ob die jetzt zum Dauersortiment gehöre oder bloß Aktionsware sei), zog ich es vor, doch lieber selbst die Initiative zu ergreifen.
    Unauffällig riss ich ein etwa sterbezwiebelgroßes Loch ins Netz und nahm eine von ihnen heraus. Es folgte eine eingehende Untersuchung. In Form, Größe und Gewicht war sie von der gemeinen Speisezwiebel nicht zu unterscheiden. Auch roch sie nicht unzwiebelig. Auf einen Geschmackstest verzichtete ich aus vielfältigen Gründen. Dann strich ich mit meinen Fingern vorsichtig über die Schale und siehe da: eine leichte, kaum spürbare Vertiefung. „Ha!“, dachte ich, „Ich Teufelskerl!“ In ihr schien sich eine Art stecknadelkopfgroßer Druckknopf zu befinden. „Druckknopf, wie?“, sagte ich zu mir und … drückte den Knopf.
Kaum hörbar begann eine mir merkwürdig vertraute Melodie zu spielen. Ich schaute mich um (niemand in Sichtweite) und hielt die Zwiebel ganz nah an mein Ohr. „But you can say, baby“, nuschelte ich leise zur Melodie, „Baby can I hold you tonight“ Boyzone. Woher ich das wusste? Irrelevant.
    Nun hätte ich ja noch verstanden, etwa – passend zum Thema – Chopins „Marche funèbre“ aus der Zwiebel spielen zu hören. Auch denkbar: was Zynisches wie Monty Pythons „Always Look on the Bright Side of Life“. Meinetwegen einen Kultsong aus den Achtzigern. „I bless the rains down in Aaaaafricaaaaa!“ Sowas geht immer. Doch Boyzone waren da einfach nur unpassend und belanglos. Keine Ahnung.
    Aber zurück zur Sache. Zwar hatte ich nicht vor, in nächster Zeit aus diesem Leben zu scheiden, doch einerseits besitze ich einen ausgeprägten Hang zum Kuriosen und andererseits fand ich den Preis völlig in Ordnung. Außerdem mag man ja für alle Eventualitäten gewappnet sein, nicht wahr? Also rein in den Einkaufswagen, ab zur Kasse, bezahlen, einpacken, ins Auto und schnell nachhaus.

Zu Hause angekommen, legte ich die Einkäufe auf dem Küchentisch ab und schmiss meinen Rechner an. Ich war ja schon neugierig, was genau ich da erbeutet hatte. „Top oder Flop?“ – das war jetzt die Frage. Ich googelte. Einen Wikipedia-Eintrag gab es nicht, dafür fand besagte Sterbezwiebel in einer Handvoll dieser Wer-weiß-was-und-wie-viele-wissens-besser-Klugscheißer-Foren Erwähnung. So postete ein „leon2002“ beispielsweise:


„hey leutz hab die sterbezweibl von der ihralle labbat ma aubropirt undd mus sargen geile scheise hat echt funcktoniert!!!!!!1“


„Geile Scheiße“, nickte ich nachdenklich, „Gibt’s im Jenseits jetzt schon Internet? Und zu welchen Konditionen? Ob sich ein Wechsel lohnt?“ Kurz überlegte ich, mich mit meinen Fragen an leon2002 zu wenden, entschied mich dann aber dagegen.
    Tatsächlich stieß ich bei meiner Recherche auf keinen einzigen glaubhaften Erfahrungsbericht, was ich – aus naheliegenden Gründen – als gutes Zeichen wertete. Sicher fanden sich viele Fragen zum Produkt – einzig die Antworten blieben aus. Zweifellos: auch das sprach für die Zwiebel. Ein siegessicheres Lächeln legte sich auf meine Lippen. Stolz ballte ich die Faust. Ich war mir sicher: es funktioniert!
    Zurück in der Küche, steckte ich besagtes Netz in die Plastiktüte des Discounters meines Vertrauens, verknotete die Henkel, übermalte mit meinem tiefschwarzen (Alpha-)Edding 850 (Dickster von allen) das knallbunte Logo mit einem riesigen, gut gelaunten Totenkopf und verstaute das Ganze schließlich neben dem Zwiebelkorb in meinem Vorratskeller.

So weit, so gut.

Wie es das Schicksal wohl für lustig befand, verließ mich ein Dreivierteljahr später meine langjährige Frau Inge dergestalt, dass sie mit meinem nicht minder langjährigen Chef Arne, der gleichzeitig mein bester-, ja mehr noch mein einziger Kumpel war, buchstäblich über Nacht in meinem heißgeliebten und wirklich top gepflegten Toyota Corolla (Bj. 97) durchbrannte.
    Kurzum: Ich hatte alles verloren. Über Nacht. Meine Frau. Meinen Job. Mein Auto. Meinen gesamten Freundes- und Bekanntenkreis. Ich wurde zum verdammten Klischee. Über Nacht. Na gut, was ich noch hatte, war unser gem… einsames Haus. Und mein 1,5Kg-Netz Sterbezwiebeln, was mir dummerweise erst fünf Wochen danach wie Schuppen von den Augen fiel.

Ich also aus dem Bett, durch den Müll, in den Keller, zu der Tüte mit dem Netz drin, aufgeknotet, hineingegriffen, Sterbezwiebel eingesteckt und per Slalomschritt zurück ins Bett. Unnötig zu erwähnen war die Zwiebel komplett verfault und stank bestialisch. Ebenso unnötig zu erwähnen war mir das zu dem Zeitpunkt herzlich einerlei. Auch Boyzone hatten schon bessere Zeiten erlebt. Ihr einstiger Nummer-zwei-Hit klang jetzt wie das „Jingle Bells“ aus einer dieser Weihnachtskarten mit Musik, nachdem man aus Spaß ein paar Mal mit der flachen Hand kräftig draufgeschlagen hatte. Also total kaputt. Aber irgendwie auch verdammt cool. Wie auch immer. Ich beschloss, die Zwiebel einfach direkt, roh und mit Schale aufzuessen. Ein billiger Chianti vom Discounter meines Vertrauens half dabei, sie runterzuspülen. Ich wartete. Wartete aufs Sterben. Den versprochenen schönen Tod.
    Zugegeben, ich kam mir ein bisschen so vor wie bei „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“, mit dem Unterschied, dass ich kein Star, sondern ein Wurm war und mit „hier“ kaum der australische Dschungel als mehr mein wurmhaftes Leben gemeint sein musste. Jedenfalls wartete ich geduldig.

Erst geschah nichts, dann … auch nichts. Später war noch immer nichts geschehen und ich hatte das Warten langsam satt. Doch plötzlich, da bekam ich fürchterliche Magenkrämpfe. „Ein Witz?“, dachte ich und hätte, wenn es die Schmerzen zugelassen hätten, laut gelacht. „Diese Schmerzen …“, dachte ich folgerichtig, „Uhhhh!“ Ich wollte nur noch sterben. Egal wie. Doch statt mir einen schönen Tod zu bescheren, bescherte mir diese verkackte Sterbezwiebel ein noch unschöneres Leben.
    „Discounter meines Vertrauens …“, fluchte ich, „So eine Scheiße!“, und fieberte – inzwischen auf dem Klo einquartiert – derselben entgegen.


© aehz

Sich an einem Traum zu verschlucken,
ist ein merkwürdiges Gefühl;
es liegt irgendwo zwischen der Empfindung,
die Wasser verursacht,
das beim Tauchen durch die Nase gezogen wird,
und der Erfahrung, eine Sternschnuppe,
noch im Fall,
aus den Augen zu verlieren.


© aehz

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